Kurze Geschichten

Rund um’s Lesen: Kurze Geschichten

Heute soll es im Rund um’s Lesen-Beitrag um kurze Geschichten gehen. Und ich meine damit gar nicht Kurzgeschichten wie man sie aus der Schule kennt oder in Geschichtsanthologien findet, sondern kurze Geschichten. Also wirklich kurze Geschichten. Also wirklich richtig kurze Geschichten. Hemingway schrieb einst eine Geschichte über Babyschuhe. Und er hat dafür nur sechs Wörter gebraucht.

Wahrscheinlich denkt ihr euch jetzt: Ja, gut. Das kann ja gar keine richtige Geschichte sein, denn wie soll man eine ganze Geschichte mit nur sechs Wörtern schreiben? Ich bin nicht sicher, ob ich die Geschichte hier schreiben darf, da müsste man sich wahrscheinlich mal über Textdefinitionen streiten und darüber diskutieren, ob sechs Wörter schon das geistige Eigentum von jemandem sein können. Die Geschichte lautet: „For sale: Baby shoes. Never worn.“ Auf Deutsch wäre das dann sogar nochmal kürzer: Vier Wörter: Zu verkaufen: Babyschuhe, ungetragen.

Ist das eine Geschichte, oder was? Diese paar Wörter reichen, damit sich im Kopf ganze Welten entwickeln. Als ich diese Geschichte (übrigens bei Maryanne Wolf) das erste Mal las, dachte ich erst, dass da jemand Kinderschuhe verkauft, weil die Eltern diese nicht schön fanden oder weil es andere Gründe gab, die Schuhe nicht zu tragen. Im ersten Moment habe ich gar nicht an die anderen möglichen Gründe gedacht: Die Babyschuhe sind ungetragen und werden verkauft, weil es niemals jemanden geben wird, der sie tragen könnte.

Ich fand meine erste Reaktion irgendwie positiver, obwohl Hemingway vermutlich die letzter intendiert hat (ohne mich jetzt um die Autorenintention streiten zu wollen). Er wollte mit ein paar Wörtern eine ganze Geschichte erzählen und das gelingt ihm, denn man denkt unweigerlich darüber nach, wer diese Schuhe gekauft hat, in welcher Situation, und was genau konnte passieren, dass diese dann nicht mehr gebraucht werden und warum werden die Schuhe dann verkauft und nicht behalten oder gar weggeworfen? Hinter diesen paar Wörtern könnte sich jede Lebensgeschichte verbergen und auf die aufgeworfenen Fragen bekommt man wohl so schnell keine Antworten. Man kann sich wahrscheinlich ein ganzes Familienepos dazu ausdenken, oder einen Krimi oder ein Kriegsmelodram. Die Geschichte lässt sich also in so ziemlich jedes bekannte negative Genre einordnen und entsprechend interpretieren.

Es gibt noch ähnliche Versuche von anderen Schriftstellern, aber wenn ihr mich fragt, ist niemandem eine so beeindruckende sechs-Wörter-Geschichte gelungen wie Ernest Hemingway. Das merkt man auch daran, dass mir diese Geschichte schon seit Monaten nicht mehr aus dem Kopf geht. Ich stelle mir die oben aufgeworfenen Fragen tatsächlich und es quält mich, nicht zu wissen, was genau passiert ist.

Was haltet ihr von solchen kurzen Geschichten? Ist das schon ein Text? Ist das eine Geschichte? Oder einfach nur ein Satz, der nichts zu sagen hat und der nichts in euch auslöst? Ist vielleicht das Auslösen von Emotionen ein Kriterium für einen Text? Kennt ihr ähnliche kurze Geschichten?

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