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Interview: “Wir haben gemeinsam geatmet” von Bozorg Mahmoody

Interview: “Wir haben gemeinsam geatmet” von Bozorg Mahmoody
Damit eine differenzierte Meinungsbildung möglich ist, habe ich das Interview von Bozorg Mahmoody auch eingestellt:

vom 22.07.1991

Wir haben gemeinsam geatmet

SPIEGEL-Interview mit Bozorg Mahmoody über seine Frau Betty und deren Buch “Nicht ohne meine Tochter”

SPIEGEL: Warum reagieren Sie auf das Buch Ihrer Frau erst heute, nachdem es bereits 1987 in den USA erschienen ist?
MAHMOODY: Ich bin ein sehr aktiver Mensch, ich arbeite in verschiedenen Krankenhäusern, unterrichte in der Universität, ich habe 24 Stunden am Tag zu tun. Ich bin Anästhesie-Spezialist und ständig im Einsatz. Bisher bin ich einfach nicht dazu gekommen.
SPIEGEL: Warum sind Sie 1984 gemeinsam mit Ihrer Frau Betty und Tochter Mahtab in den Iran gekommen?
MAHMOODY: Jeder, der im Ausland lebt, hat das Bedürfnis, irgendwann in seine Heimat zurückzukehren. Zum einen wollten wir Besuche abstatten, zum anderen wollte ich meinen Landsleuten meine Dienste erweisen.
SPIEGEL: Welche Dienste?
MAHMOODY: Ärztliche. Im Operationssaal und in der Universität.
SPIEGEL: Wollten Sie auch die Revolution unterstützen?
MAHMOODY: Auf jeden Fall. Als wir in den Iran zurückkehrten, befand der Iran sich auf dem Höhepunkt der Revolution. Außerdem kämpften wir in einem uns aufgezwungenen Krieg.
SPIEGEL: Sie reden von politischer Verantwortung gegenüber Ihrem Land. Ihre Frau hat dagegen ein Buch geschrieben, in dem sie den Islam angreift.
MAHMOODY: Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich weiß nicht, was sie über meine Person, über iranische Kinder oder die Revolution geschrieben hat.
SPIEGEL: Warum haben Sie das Buch nicht gelesen?
MAHMOODY: Zunächst wußte ich doch nichts davon.
SPIEGEL: Und welches Gefühl hatten Sie, als Sie dann von dem Buch gehört haben?
MAHMOODY: Ich habe mich gewundert, worüber sie ein Buch geschrieben haben konnte. Solange wir zusammen waren, hatten wir keine so großen Meinungsunterschiede, daß sie später hätte ein Buch darüber schreiben können. Ich war ihr ein sehr guter Ehemann und habe sie in jeder Hinsicht mehr als hinreichend versorgt. Es fehlte ihr an nichts.
SPIEGEL: Haben Sie Ihrer Frau, als Sie sie kennenlernten, verschwiegen, daß Sie Moslem sind?
MAHMOODY: Nein, wir haben gleich darüber geredet. Als wir heiraten wollten und weil sie wußte, daß ich ein islamisches Leben führte, trat auch sie in einer Moschee in Houston dem Islam bei.
SPIEGEL: Wie charakterisieren Sie Betty?
MAHMOODY: Sie ist eine sehr fleißige Person, sie hat einen guten Geschmack, sie kann gut kochen, sie kann nähen. Sie ist clever und liebenswert.
SPIEGEL: Lieben Sie sie noch?
MAHMOODY: Sie ist die Mutter meiner Tochter. Aber jemand, der einseitig die Familienbande auseinanderreißt, jemand, der nicht bedenkt, daß sein eigenes Kind, genauso wie es eine Mutter braucht, auch einen Vater braucht, und jemand, der auf diese Weise seinem Heim entflieht und seinem Kind die väterliche Liebe und Zuwendung entzieht, den kann man als Ehepartner nicht mehr lieben. Betty hat alle familiären Werte mit den Füßen getreten. Wir hatten eine sehr warme Gemeinschaft, meine Frau, meine Tochter Mahtab und ich. Das war offensichtlich, man merkte es sowohl an Mahtabs Verhalten als auch an ihren guten Schulnoten. Sie war die beste Schülerin ihrer Klasse.
SPIEGEL: Ihre Frau behauptet in dem Buch, die Tochter habe unter den häuslichen Verhältnissen entsetzlich gelitten.
MAHMOODY: Wir hatten eine warme und zarte Beziehung. Und dann wurde ich eines Tages für einen Notfall ins Krankenhaus gerufen, ein Soldat hatte eine Chemieverletzung. Als ich wieder nach Hause kam, war sie weg und meine Tochter auch. Sie war weg, weg, weg. So etwas Herzloses! Mahtab ist doch auch meine Tochter.
SPIEGEL: Betty Mahmoody schreibt, sie habe alles zum Wohle ihres Kindes getan.
MAHMOODY: Wer sein Kind liebt, dem muß doch klar sein, daß es sowohl Mutter- als auch Vaterliebe braucht. Hätte ich dem Kind die Mutterliebe entzogen, dann wäre ich für jeden ein herzloser, skrupelloser Mensch. Betty aber hat geglaubt, das Kind braucht nur eine Mutter und keinen Vater. Ist das vielleicht nicht herzlos? Mir hat sie die Liebe meiner Tochter entzogen und Mahtab die Liebe des Vaters.
SPIEGEL: Ihre Frau wirft Ihnen vor, Sie hätten Ihre Tochter geschlagen.
MAHMOODY: Das ist absolut falsch.
SPIEGEL: Warum haben Sie nicht versucht, mit Ihrer Tochter Kontakt aufzunehmen?
MAHMOODY: Genauso wie Betty ihren ersten Mann in den Augen ihrer beiden Söhne angeschwärzt hat – sie hat ihnen erzählt, er sei bösartig und hartherzig -, genauso ein Monster wird sie meiner Tochter gegenüber aus mir gemacht haben.
SPIEGEL: Wann fingen die Schwierigkeiten zwischen Ihnen und Ihrer Frau an?
MAHMOODY: Schon in Amerika mochte sie es nicht, wenn ich meinen religiösen Pflichten nachging. Im Fastenmonat Ramadan haben wir Moslems die Möglichkeit, Körper und Seele zu reinigen. An manchen Abenden bleiben wir auf und beten bis zum Morgen. Normalerweise beten wir in diesen Nächten gemeinsam mit anderen Moslems. Ich war der einzige Moslem in unserer Gegend – außer Betty natürlich, die nicht mitbeten wollte. Da saß ich nun also allein und betete, versuchte zu beten, denn immer wieder kam Betty und meinte, ich solle endlich ins Bett kommen, es sei Schlafenszeit.
SPIEGEL: Warum, glauben Sie, ist sie Ihre Frau geworden?
MAHMOODY: Ich bin sicher, sie liebte mich. Sie hatte gesagt: “Honey, I will go with you to any place in the world, just to be with you.” Außerdem hat sie freiwillig meine Religion angenommen. Sie hat für uns und unsere Freunde persisch gekocht, nach persischer Art, und zur Freude aller haben wir das Gedeck auf dem Boden ausgebreitet.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß Betty Ihre Frau wurde, weil sie den Wunsch nach einem besseren Leben hatte?
MAHMOODY: Das ist wohl wahr. Das Leben in dem kleinen Elsie in Michigan war nicht gerade besonders aufregend. Betty hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich, zwei halbwüchsige Söhne, und sicher versprach sie sich eine bessere gesellschaftliche Stellung als Arztfrau. Sie brauchte einen Vater für ihre Söhne, finanzielle Absicherung, und sie wollte in eine größere Stadt. Alles dieses habe ich ihr geboten.
SPIEGEL: Ihre Frau schreibt, daß sie einen amerikanischen Moody geliebt habe, den sie auch geheiratet habe. Abgelehnt habe sie Sie erst, als Sie sich zur eigenen Kultur und Religion bekannt hätten.
MAHMOODY: Für Betty, wie für viele andere Amerikaner auch, ist alles Nichtamerikanische verpönt und schlecht. Für die zählt nur Amerika und noch mal Amerika, that”s it. Outside USA is hell on earth. Ich dachte, Betty sei anders. Wir hatten eine große Doppelgarage, die hatten wir ausgeräumt und als Gebetraum für die Islamische Gemeinschaft Südtexas eingerichtet. Das war 1978. Und Betty war die Sekretärin dieser Gemeinschaft.
SPIEGEL: Wie wichtig war Geld für Betty? _(* Im Mai in Hamburg. )
MAHMOODY: Sie hat sehr viel Wert darauf gelegt, viel Geld zu haben. Von dem Geld, das ich verdiente, hat sie hin und wieder auch ihre Familie unterstützt. Wir hatten immer gemeinsame Konten, und Betty hatte vollkommen freien Zugriff. Ich habe Betty vertraut, schließlich war sie meine Frau, wir haben das Leben geteilt, oder – wie wir sagen – wir haben gemeinsam geatmet. Ich habe sie geehrt und nichts vor ihr verborgen. Eines Tages kam die Frau eines befreundeten ägyptischen Arztes zu mir und erzählte mir, daß Betty unser gesamtes Bankguthaben von unserem Konto abgehoben und versteckt habe. Als ich Betty gefragt habe, warum sie das denn nur getan habe, antwortete sie, sie sei sauer und wolle mich verlassen. Das war 1978 oder ”79.
SPIEGEL: Als Sie dann im Iran waren, haben Sie Betty geschlagen?
MAHMOODY: Das ist eine Lüge. Obwohl ich manchmal den Eindruck hatte, sie wäre gern von mir geschlagen worden.
SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?
MAHMOODY: Betty hatte zwei Schwestern und drei Brüder. Ken, der Mann ihrer Schwester Caroline, war Landwirt. Oft kam Betty zu mir und erzählte, Ken habe Caroline blau und grün geschlagen. Offensichtlich waren Prügel in ihrer Familie üblich.
SPIEGEL: Haben Sie sie nun geschlagen oder nicht?
MAHMOODY: Sehen Sie, ich bin ein religiöser Mann. Der Islam schreibt mir vor, meine Frau zu ehren und zu achten. Niemals habe ich die Hand gegen sie erhoben, obschon – und wie bereits gesagt – ich den Eindruck hatte, sie wünschte sich, von mir geschlagen zu werden. Sie stellte die Prügel, die Caroline von Ken bezog, so schillernd dar, daß ich den Eindruck gewann, Betty wolle damit mich animieren, sie zu schlagen.
SPIEGEL: Wollen Sie sagen, Betty sei masochistisch veranlagt?
MAHMOODY: So scheint es. Ich zog es jedoch vor, mich entsprechend meines Standes, meiner Ausbildung, meiner Religion und meines Alters zu verhalten und mit ihr die Probleme zu besprechen. Ich habe sie weder geschlagen noch beschimpft. In den gesamten 20 und mehr Jahren, die ich in Amerika verbrachte, habe ich nicht ein einziges Mal dieses gängige Wort mit den vier Buchstaben in den Mund genommen. Dazu schäme ich mich zu sehr.
SPIEGEL: Betty beschwert sich über die schlechte Behandlung durch Sie und Ihre Familie.
MAHMOODY: Da sehen Sie es. Im Flughafen wurden wir wärmstens empfangen mit Blumen und Goldarmreifen für Betty und Mahtab. Wirklich, unsere Familie und unsere Freunde hätten nicht herzlicher und liebevoller sein können. Mit dem bißchen Englisch, das meine Familie konnte, nannte sie Betty liebevoll “Sister Betty”. Die Familie hatte sie ins Herz geschlossen.
SPIEGEL: Warum haben Sie Betty nicht von Anfang an gesagt, daß Sie vorhatten, im Iran zu bleiben?
MAHMOODY: Sie wußte, wie sehr ich den Iran liebe und daß man mir im Krankenhaus in Amerika gesagt hatte, daß ich, wenn ich in meine Heimat ginge, nicht wieder zurückzukommen brauchte. Wo hätte ich arbeiten sollen in den Staaten? Ich hatte Freunde und Anwälte gebeten, sich nach Arbeit für mich umzusehen. Hoffnungslos.
SPIEGEL: Betty behauptet, im Iran festgehalten worden zu sein.
MAHMOODY: Das ist doch lächerlich. Hätte ich meine Familie tatsächlich beauftragt, sie zu bewachen, wäre sie heute noch im Iran. Im Gegenteil, als ihr Vater krank war und im Sterben lag, habe ich ihr einen Hin- und Rückflug gekauft und für die Geschenke, die sie ihrer Familie mitnehmen sollte, im voraus 25 Kilogramm Übergepäck bezahlt.
SPIEGEL: Sie hatten ihr aber verboten, Ihre Tochter mitzunehmen.
MAHMOODY: Mahtab ging damals in die Schule, es war mitten im Schuljahr, ich hatte gerade angefangen zu arbeiten, bekam also auch gar keinen Urlaub. Außerdem verdiente ich noch nicht soviel Geld, aber ich hatte ihr zugesichert, daß wir im Sommer alle zusammen fliegen würden. Und dann war sie plötzlich verschwunden – und meine Tochter auch. Ich war zu Tode geängstigt: eine Amerikanerin ohne besondere Sprachkenntnisse, die Tasche voll Geld und Gold, allein in einer Metropole mitten im Krieg. Ich hatte Angst um das Leben meiner Frau und meiner geliebten Tochter.
SPIEGEL: Sie ist geflohen, weil sie von Ihnen im Iran gefangengehalten wurde.
MAHMOODY: Gefangen?! Sie hatte die Schlüssel zum Haus, das Telefon zur freien Verfügung, sie konnte kommen und gehen, wann immer sie wollte, wohin immer sie wollte. Glauben Sie mir, wenn ich sie hätte festhalten wollen, wäre sie heute noch hier.
SPIEGEL: Sowohl im Buch als auch im Film werden Sie als ein immer aggressiver werdender Mensch dargestellt, der zum Schluß sogar seine Tochter schlägt.
MAHMOODY: Ich liebe meine Tochter, ich liebe sie über alles. Ich selbst habe meine Mutter sehr früh als Junge verloren. Als Mahtab geboren wurde, habe ich das Antlitz meiner Mutter in ihr gesehen. Mahtab ist für mich, wie wir im Persischen sagen, mein Leben – verzeihen Sie die Tränen -, für mich grenzte das an ein Wunder, als wenn meine verstorbene Mutter durch Mahtab wieder zum Leben gefunden hätte.
SPIEGEL: Im deutschen Fernsehen war Ihre Frau mit einer Pistole zu sehen. Sie sagte, sie fürchte sich vor dem Tag, an dem sie Sie töten müsse.
MAHMOODY: Ich frage Sie, kann eine Frau, die in der Lage ist, auch nur daran zu denken, den Vater ihres Kindes zu ermorden, ernsthaft Liebe für ihr Kind empfinden? Sie ist so egoistisch und unfair zu Mahtab. Weiter sage ich nichts. Urteilen Sie selbst.
SPIEGEL: Ihre Frau sagt, sie erziehe Mahtab bikulturell. Sie erzähle ihr von Ihnen und feiere für Mahtab das iranische Neujahrsfest.
MAHMOODY: Sie lügt! Wäre das wahr, würde sie mich zu Neujahr anrufen und Mahtab die Gelegenheit geben, mir ein gutes neues Jahr zu wünschen, und mir die Gelegenheit, meiner Tochter Glück zu wünschen.
SPIEGEL: In ihrem Buch schwört Ihre Frau Rache.
MAHMOODY: Was ist das für eine Rache, die eigene Tochter vom Vater zu trennen. Im Persischen gibt es für jede Situation ein geeignetes Sprichwort oder eine Redewendung. Auf diese Situation würde folgendes zutreffen: Sie ist gegangen, um ein Taschentuch zu kaufen, und weil sie es nicht bekommen konnte, hat sie den ganzen Basar abgebrannt.
SPIEGEL: Ihre Aussagen und die Ihrer Frau sind vollkommen widersprüchlich. Wem sollen wir glauben?
MAHMOODY: Wenn Sie sonst nichts aus diesem Interview mitnehmen, dann bitte nur dieses: Diese Frau braucht psychologische Hilfe. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Bozorg Mahmoody *
lebt und arbeitet als Anästhesist und Chiropraktiker im Iran. Der gläubige Moslem war 1964 zum Studium in die USA gekommen, praktizierte in den Staaten als Arzt und heiratete 1977 eine Amerikanerin. 1984 fuhr er mit seiner Frau Betty und der gemeinsamen Tochter Mahtab zu einem Verwandtenbesuch in den Iran. Nach Angaben von Betty Mahmoody sollte dies nur ein vorübergehender Aufenthalt sein. Dagegen bestätigt Bozorg Mahmoody, 54, heute, daß er von Anfang an geplant habe, in seiner Heimat zu bleiben. Betty Mahmoody fühlte sich schon bald im Iran als Fremde. Ihr Mann wollte sie aber nur unter der Bedingung ziehen lassen, daß die Tochter bei ihm bleibe. So entschloß sich Betty Mahmoody zur Flucht mit ihrer Tochter. Über ihre Erlebnisse im Land und die Flucht schrieb sie – gemeinsam mit dem Autor William Hoffer – das Buch “Nicht ohne meine Tochter”, das 1987 in den USA erschien und schon bald ein internationaler Bestseller wurde. Allein die deutsche Ausgabe hat inzwischen eine Auflage von mehr als drei Millionen Exemplaren. Auch der nach dem Buch gedrehte Hollywood-Film mit Sally Field in der Hauptrolle wurde ein Erfolg. In zahlreichen Talk-Shows berichtete Betty Mahmoody von ihren Erlebnissen. Die Universität Michigan zeichnete sie mit einem Ehrendoktortitel aus, die Brigham Young University in Utah verlieh ihr den Freedom Award. Doch wurde auch heftige Kritik geübt. Vor allem mit Moslems verheiratete Frauen in den USA und in der Bundesrepublik Deutschland warfen ihr vor, mit ihrem Buch und ihren Auftritten die Vorurteile gegen bikulturelle Ehen zu schüren. In einem SPIEGEL-Interview, das im Iran auf persisch geführt wurde, äußert sich Bozorg Mahmoody erstmals zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. SPIEGEL TV Reportage dokumentiert das Gespräch am Dienstag abend (23.05 Uhr, Sat 1).

* Im Mai in Hamburg.

Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13490005.html 28.8.2013

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Mein Nachname war Salmon, also Lachs, wie der Fisch; Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde. Auf Zeitungsfotos in den Siebzigern sahen die vermissten Mädchen meistens aus wie ich: hellhäutig und mit mausbraunen Haaren. Das war, bevor Bilder von Kindern aller Hautfarben und Geschlechter nach und nach auf Milchtüten und in der Tagespost auftauchten. Damals glaubten die Leute noch, so etwas geschehe einfach nicht.
Für mein Jahrbuch in der Junior High hatte ich mir ein Zitat von einem spanischen Dichter ausgesucht, auf den mich meine Schwester aufmerksam gemacht hatte, Juan Ramón Jiménez. Es ging so: “Wenn sie dir liniertes Papier geben, dann schreib quer dazu.” Ich wählte es, weil es meine Verachtung für eine klar strukturierte Umgebung wie mein Klassenzimmer ausdrückte und ich außerdem fand, dass es mich, da es kein bescheuertes Zitat von einer Rockband war, als literarisch gebildet kennzeichnete. Ich war Mitglied des Schachclubs und der Chemie-AG und ließ alles anbrennen, was ich in Mrs. Delminicos Hauswirtschaftsunterricht zuzubereiten versuchte. Mein Lieblingslehrer war Mr. Botte, bei dem wir Biologie hatten, und der die Frösche und Krebse, die wir sezieren mussten, gern zu neuem Leben erweckte, indem er sie in ihren gewachsten Tiegeln tanzen ließ.
Mr. Botte hat mich übrigens nicht getötet. Glauben Sie nicht, dass jeder Mensch, dem Sie hier begegnen, verdächtig ist. Das ist das Problem. Man kann nie wissen. Mr. Botte kam zu meiner Trauerfeier (wie, wenn ich das hinzufügen darf, fast die gesamte Junior High – so beliebt war ich noch nie) und weinte ziemlich heftig. Er hatte ein krankes Kind. Das wussten wir alle, und obwohl wir uns manchmal dazu zwingen mussten, lachten wir deshalb mit, nur, um ihn glücklich zu machen, wenn er über seine eigenen Witze lachte, die schon einen Bart hatten, ehe er mein Lehrer wurde. Seine Tochter starb anderthalb Jahre nach mir. Sie hatte Leukämie, aber in meinem Himmel habe ich sie nie gesehen.
Mein Mörder war ein Mann aus unserer Nachbarschaft. Meiner Mutter gefielen seine Blumenrabatten, und mein Vater unterhielt sich mal mit ihm über Düngemittel. Mein Mörder glaubte an altmodische Zutaten wie Eierschalen und Kaffeesatz, die, wie er sagte, seine eigene Mutter schon benutzt hatte. Mein Vater kam lächelnd nach Hause und riss Witze darüber, dass der Garten des Mannes zwar wunderschön sein mochte, aber zum Himmel stinken würde, sobald eine Hitzewelle zuschlüge.
Am 6. Dezember 1973 allerdings schneite es, und ich nahm auf dem Heimweg von der Schule eine Abkürzung durch das Maisfeld. Es war bereits dunkel, da die Tage im Winter kürzer sind, und ich erinnere mich, wie die abgebrochenen Maisstängel mir das Gehen erschwerten. Der Schnee fiel sacht, wie ein Schauer aus kleinen Händen, und ich atmete durch die Nase, bis sie so sehr lief, dass ich den Mund aufmachen musste. Zwei Meter von Mr. Harvey entfernt streckte ich die Zunge heraus, um eine Schneeflocke zu kosten.
“Krieg keinen Schreck”, sagte Mr. Harvey.
Natürlich erschrak ich in einem Maisfeld im Dunkeln.
Nachdem ich tot war, fiel mir ein, dass ein leichter Duft von Kölnischwasser in der Luft gelegen hatte, ich jedoch nicht darauf geachtet oder geglaubt hatte, er käme von einem der Häuser vor mir. “Mr. Harvey”, sagte ich.
“Du bist das ältere Salmon-Mädchen, stimmt’s?” “Ja.”
“Wie geht’s zu Hause?”
Obgleich Älteste von drei Geschwistern und oft die Beste in einer Klassenarbeit in Naturkunde, fühlte ich mich in Gegenwart von Erwachsenen nie ganz wohl.
“Gut”, sagte ich. Ich fror, aber die natürliche Autorität seines Alters und dazu die Tatsache, dass er ein Nachbar war und sich mit meinem Vater über Düngemittel unterhalten hatte, ließen mich wie angewurzelt stehen bleiben.
“Ich habe hier was gebaut”, sagte er. “Möchtest du es sehen?”
“Mir ist ein bisschen kalt, Mr. Harvey”, sagte ich, “und meine Mom hat es gern, wenn ich vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause bin.”
“Es ist schon dunkel, Susie”, sagte er.
Heute wünschte ich, ich hätte gemerkt, wie unheimlich das war. Ich hatte ihm meinen Namen nie genannt. Vermutlich dachte ich, mein Vater hätte ihm eine der peinlichen Anekdoten erzählt, in denen er selbst bloß Liebesbeweise gegenüber seinen Kindern sah. Mein Vater gehörte zu den Dads, die ein Foto von ihrer nackten dreijährigen Tochter in das Bad im Erdgeschoss hängen, dasjenige, das die Gäste benutzen. Gott sei Dank hat er das mit meiner kleinen Schwester Lindsey gemacht. Diese Erniedrigung blieb mir zumindest erspart. Doch er erzählte gern, wie ich, sobald Lindsey geboren war, so eifersüchtig auf sie wurde, dass ich eines Tages, als er im Nebenzimmer am Telefon war, auf der Couch entlangrobbte – er konnte mich von seinem Standort aus sehen – und versuchte, Lindsey in ihrem tragbaren Bettchen anzupinkeln. Diese Geschichte demütigte mich jedes Mal, wenn er sie erzählte, dem Pastor unserer Kirche, unserer Nachbarin Mrs. Stead, die Therapeutin war und deren Einstellung dazu er hören wollte, und jedem, der irgendwann mal meinte: “Susie hat eine Menge Mumm!”
“Mumm!”, pflegte mein Vater dann zu sagen. “Über ihren Mumm kann ich Ihnen was erzählen”, und dann ließ er umgehend seine Wie-Susie-Lindsey-anpinkelte-Geschichte vom Stapel.
Wie sich aber erwies, hatte mein Vater uns Mr. Harvey gegenüber nicht erwähnt und ihm auch nicht die Wie-Susie-Lindsey-anpinkelte-Geschichte erzählt.
Später sollte Mr. Harvey, als er auf der Straße mit meiner Mutter zusammenstieß, diese Worte sagen: “Ich habe von der grässlichen, grässlichen Tragödie gehört. Wie hieß Ihre Tochter noch mal?”
“Susie”, sagte meine Mutter, die unter der Last des Namens all ihre Kräfte zusammennehmen musste, einer Last, von der sie naiverweise hoffte, dass sie irgendwann leichter werden würde, denn sie wusste nicht, dass sie für den Rest ihres Lebens nur auf neue und mannigfaltige Weise schmerzen würde.
Mr. Harvey sagte das Übliche: “Ich hoffe, sie kriegen den Mistkerl. Es tut mir Leid, dass Sie sie verloren haben.”
Ich war inzwischen in meinem Himmel, wo ich meine Gliedmaßen zusammensetzte und seine Dreistigkeit nicht fassen konnte. “Der Mann hat kein Schamgefühl”, sagte ich zu Franny, meiner Aufnahmeberaterin. “Genau”, sagte sie, und das war alles, was sie antwortete. In meinem Himmel gab es nicht viel Gequatsche.

Hier die Quelle: http://www.buch.de/shop/home/rubrikartikel/ID17438260.html?ProvID=10910550
 14. Juni 2013
Dort könnt Ihr sogar noch mehr lesen und virtuell umblättern. 

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Leseprobe: Russendisko von Wladimir Kaminer

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Russen in Berlin
Im Sommer 1990 breitete sich in Moskau ein Gerücht aus: Honecker nimmt Juden aus der Sowjetunion auf, als eine Art Wiedergutmachung dafür, dass die DDR sich nie an den deutschen Zahlungen für Israel beteiligte. Laut offizieller ostdeutscher Propaganda lebten alle Alt-Nazis in Westdeutschland. Die vielen Händler, die jede Woche aus Moskau nach Westberlin und zurück flogen, um ihre Import-Exportgeschäfte zu betreiben, brachten diese Nachricht in die Stadt. Es sprach sich schnell herum, alle wussten Bescheid, außer Honecker vielleicht. Normalerweise versuchten die meisten in der Sowjetunion ihre jüdischen Vorfahren zu verleugnen, nur mit einem sauberen Pass konnte man auf eine Karriere hoffen. Die Ursache dafür war nicht der Antisemitismus, sondern einfach die Tatsache, dass jeder mehr oder weniger verantwortungsvolle Posten mit einer Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei verbunden war. Und Juden hatte man ungern in der Partei. Das ganze sowjetische Volk marschierte im gleichen Rhythmus wie die Soldaten am Roten Platz – von einem Arbeitssieg zum nächsten, keiner konnte aussteigen. Es sei denn, man war Jude. Als solcher durfte man, rein theoretisch zumindest, nach Israel auswandern. Wenn das ein Jude machte, war es – fast – in Ordnung. Doch wenn ein Mitglied der Partei einen Ausreiseantrag stellte, standen die anderen Kommunisten aus seiner Einheit ziemlich dumm da.
Mein Vater, zum Beispiel, kandidierte viermal für die Partei, und jedes Mal fiel er durch. Er war zehn Jahre lang stellvertretender Leiter der Abteilung Planungswesen in einem Kleinbetrieb und träumte davon, eines Tages Leiter zu werden. Dann hätte er insgesamt 35 Rubel mehr gekriegt. Aber einen parteilosen Leiter der Abteilung Planungswesen konnte sich der Direktor nur in seinen Albträumen vorstellen. Außerdem ging es schon deshalb nicht, weil der Leiter jeden Monat über seine Arbeit auf der Parteiversammlung im Bezirkskomitee berichten musste. Wie sollte er da überhaupt reinkommen – ohne Mitgliedsausweis? Mein Vater versuchte jedes Jahr erneut in die Partei einzutreten. Er trank mit den Aktivisten literweise Wodka, schwitzte sich mit ihnen in der Sauna zu Tode, aber alles war umsonst. Jedes Jahr scheiterte sein Vorhaben an demselben Felsen: »Wir schätzen dich sehr, Viktor, du bist für immer unser dickster Freund«, sagten die Aktivisten. »Wir hätten dich auch gerne in die Partei aufgenommen. Aber du weißt doch selbst, du bist Jude und kannst jederzeit nach Israel abhauen.« »Aber das werde ich doch nie tun«, erwiderte mein Vater. »Natürlich wirst du nicht abhauen, das wissen wir alle, aber rein theoretisch gesehen wäre es doch möglich? Stell dir mal vor, wie blöde wir dann schauen.« So blieb mein Vater für immer ein Kandidat.
Die neuen Zeiten brachen an: Die Freikarte in die große weite Welt, die Einladung zu einem Neuanfang bestand nun darin, Jude zu sein. Die Juden, die früher an die Miliz Geld zahlten, um das Wort Jude aus ihrem Pass entfernen zu lassen, fingen an, für das Gegenteil Geld auszugeben. Alle Betriebe wünschten sich auf einmal einen jüdischen Direktor, nur er konnte auf der ganzen Welt Geschäfte machen. Viele Leute verschiedener Nationalität wollten plötzlich Jude werden und nach Amerika, Kanada oder Österreich auswandern. Ostdeutschland kam etwas später dazu und war so etwas wie ein Geheimtipp.
Ich bekam den Hinweis vom Onkel eines Freundes, der mit Kopiergeräten aus Westberlin handelte. Einmal besuchten wir ihn in seiner Wohnung, die wegen der baldigen Abreise der ganzen Familie nach Los Angeles schon leer geräumt war. Nur ein großer teurer Fernseher mit eingebautem Videorecorder stand noch mitten im Zimmer auf dem Boden. Der Onkel lag auf einer Matratze und sah sich Pornofilme an.
»In Ostberlin nimmt Honecker Juden auf. Für mich ist es zu spät, die Richtung zu wechseln, ich habe schon alle meine Millionen nach Amerika abtransportiert«, sagte er zu uns. »Doch ihr seid jung, habt nichts, für euch ist Deutschland genau das Richtige, da wimmelt es nur so von Pennern. Sie haben dort ein stabiles soziales System. Ein paar Jungs mehr werden da nicht groß auffallen.«
Es war eine spontane Entscheidung. Außerdem war die Emigration nach Deutschland viel leichter als nach Amerika: Die Fahrkarte kostete nur 96 Rubel, und für Ostberlin brauchte man kein Visum. Mein Freund Mischa und ich kamen im Sommer 1990 am Bahnhof Lichtenberg an. Die Aufnahme verlief damals noch sehr demokratisch. Aufgrund der Geburtsurkunde, in der schwarz auf weiß stand, dass unsere beiden Eltern Juden sind, bekamen wir eine Bescheinigung in einer extra dafür eingerichteten Westberliner Geschäftsstelle in Marienfelde. Dort stand, dass wir nun in Deutschland als Bürger jüdischer Herkunft anerkannt waren. Mit dieser Bescheinigung gingen wir dann zum ostdeutschen Polizeipräsidium am Alexanderplatz und wurden als anerkannte Juden mit einem ostdeutschen Ausweis versehen. In Marienfelde und im Polizeipräsidium Berlin Mitte lernten wir viele gleichgesinnte Russen kennen. Die Avantgarde der fünften Emigrationswelle.
Die erste Welle, das war die Weiße Garde während der Revolution und im Bürgerkrieg; die zweite Welle emigrierte zwischen 1941 und 1945; die dritte bestand aus ausgebürgerten Dissidenten ab den Sechzigerjahren; und die vierte Welle begann mit den über Wien ausreisenden Juden in den Siebzigerjahren. Die russischen Juden der fünften Welle zu Beginn der Neunzigerjahre konnte man weder durch ihren Glauben noch durch ihr Aussehen von der restlichen Bevölkerung unterscheiden. Sie konnten Christen oder Moslems oder gar Atheisten sein, blond, rot oder schwarz, mit Stups- oder Hakennase. Ihr einziges Merkmal bestand darin, dass sie laut ihres Passes Juden hießen. Es reichte, wenn einer in der Familie Jude oder Halb- oder Vierteljude war und es in Marienfelde nachweisen konnte.
Und wie bei jedem Glücksspiel war auch hier viel Betrug dabei. In dem ersten Hundert kamen alle möglichen Leute zusammen: ein Chirurg aus der Ukraine mit seiner Frau und drei Töchtern, ein Bestattungsunternehmer aus Vilna, ein alter Professor, der für die russischen Sputniks die Metall-Außenhülle zusammengerechnet hatte und das jedem erzählte, ein Opernsänger mit einer komischen Stimme, ein ehemaliger Polizist sowie eine Menge junger Leute, »Studenten« wie wir.
Man richtete für uns ein großes Ausländerheim in drei Plattenbauten von Marzahn ein, die früher der Stasi als eine Art Erholungszentrum gedient hatten. Dort durften nun wir uns bis auf weiteres erholen. Die Ersten kriegen immer das Beste. Nachdem sich Deutschland endgültig wiedervereinigt hatte, wurden die neu angekommenen Juden gleichmäßig auf alle Bundesländer verteilt. Zwischen Schwarzwald und Thüringerwald, Rostock und Mannheim. Jedes Bundesland hatte eigene Regeln für die Aufnahme.
Wir bekamen die wildesten Geschichten in unserem gemütlichen Marzahn-Wohnheim zu hören. In Köln, zum Beispiel, wurde der Rabbiner der Synagoge beauftragt, durch eine Prüfung festzustellen, wie jüdisch diese neuen Juden wirklich waren. Ohne ein von ihm unterschriebenes Zeugnis lief gar nichts. Der Rebbe befragte eine Dame, was Juden zu Ostern essen. »Gurken«, sagte die Dame, »Gurken und Osterkuchen.« »Wie kommen Sie denn auf Gurken?«, regte sich der Rebbe auf. »Ach ja, ich weiß jetzt, was Sie meinen«, strahlte die Dame, »wir Juden essen zu Ostern Matze.« »Na gut, wenn man es ganz genau nimmt, essen die Juden das ganze Jahr über Matze, und auch mal zu Ostern. Aber wissen Sie überhaupt, was Matze ist?«, fragte der Rebbe. »Aber sicher doch«, freute sich die Frau, »das sind doch diese Kekse, die nach altem Rezept aus dem Blut von Kleinkindern gebacken werden.« Der Rebbe fiel in Ohnmacht. Manchmal beschnitten sich irgendwelche Männer sogar eigenhändig, einzig und allein, um solche Fragen zu vermeiden.
Wir, als die Ersten in Berlin, hatten das alles nicht nötig. Nur ein Schwanz aus unserem Heim musste dran glauben, der von Mischa. Die jüdische Gemeinde Berlins hatte unsere Siedlung in Marzahn entdeckt und lud uns jeden Samstag zum Essen ein. Besonders viel Aufmerksamkeit bekamen die jüngeren Emigranten. Von der Außenwelt abgeschnitten und ohne Sprachkenntnisse lebten wir damals ziemlich isoliert. Die Juden aus der Gemeinde waren die Einzigen, die sich für uns interessierten. Mischa, mein neuer Freund Ilia und ich gingen jede Woche hin. Dort, am großen gedeckten Tisch, standen immer ein paar Flaschen Wodka für uns bereit. Es gab nicht viel zu essen, dafür war alles liebevoll hausgemacht.
Der Chef der Gemeinde mochte uns. Ab und zu bekamen wir von ihm hundert Mark. Er bestand darauf, dass wir ihn zu Hause besuchten. Ich habe damals das Geld nicht angenommen, weil mir bewusst war, dass es dabei nicht um reine Freundschaft ging, obwohl er und die anderen Mitglieder der Gemeinde mir sympathisch waren. Aber es handelte sich um eine religiöse Einrichtung, die auf der Suche nach neuen Mitgliedern war. Bei einer solchen Beziehung wird irgendwann eine Gegenleistung fällig. Ich blieb samstags im Heim, röstete Esskastanien im Gasherd und spielte mit den Rentnern Karten. Meine beiden Freunde gingen jedoch immer wieder zur Gemeinde hin und freuten sich über die Geschenke. Sie freundeten sich mit dem Chef an und aßen mehrmals bei ihm zu Hause Mittag. Eines Tages sagte er zu den beiden: »Ihr habt euch als gute Juden erwiesen, nun müsst ihr euch auch beschneiden lassen, dann ist alles perfekt.« »Da mache ich nicht mit«, erwiderte Ilia und ging. Der eher nachdenkliche Mischa blieb. Von Gewissensbissen geplagt, wegen des angenommenen Geldes und der Freundschaft zum Gemeindevorsitzenden musste er nun für alle unsere Sünden büßen – im jüdischen Krankenhaus von Berlin. Hinterher erzählte er uns, dass es gar nicht weh getan und angeblich sogar noch seine Manneskraft gesteigert hätte. Zwei Wochen musste er mit einem Verband herumlaufen, aus dem ein Schlauch herausguckte.
Am Ende der dritten Woche versammelte sich die Hälfte der männlichen Belegschaft unseres Heimes im Waschraum. Alle platzten vor Neugierde. Mischa präsentierte uns seinen Schwanz – er war glatt wie eine Wurst. Stolz klärte uns Mischa über den Verlauf der Operation ab: Die Vorhaut war mit Hilfe eines Laserstrahls entfernt worden, völlig schmerzlos. Doch die meisten Anwesenden waren von seinem Schwanz enttäuscht. Sie hatten mehr erwartet und rieten Mischa, das mit dem Judentum sein zu lassen, was er dann später auch tat. Manche Bewohner unseres Heims dachten, das kann alles nicht gut ausgehen und fuhren wieder nach Russland zurück.
Keiner konnte damals verstehen, wieso uns ausgerechnet die Deutschen durchfütterten. Mit den Vietnamesen zum Beispiel, deren Heim auch in Marzahn und gar nicht weit von unserem entfernt stand, war alles klar: Sie waren die Gastarbeiter des Ostens, aber die Russen? Vielleicht war es bei den ersten Juden im Polizeipräsidium am Alex nur ein Missverständnis, ein Versehen, und dann wollten die Beamten es nicht zugeben und machten brav weiter? So ähnlich wie beim Fall der Mauer? Aber wie alle Träume ging auch dieser schnell zu Ende. Nach sechs Monaten schon wurden keine Aufnahmen mehr vor Ort zugelassen. Man musste in Moskau einen Antrag stellen und erst einmal ein paar Jahre warten. Danach wurden Quoten eingeführt. Gleichzeitig wurde hinterher per Beschluss festgelegt, dass alle Juden, die bis zum 31. Dezember 1991 eingereist waren, als Flüchtlinge anerkannt werden und alle Rechte eines Bürgers genießen sollten, außer dem Recht zu wählen.
Aus diesen Juden und aus den Russlanddeutschen bestand die fünfte Welle, obwohl die Russlanddeutschen eine Geschichte für sich sind. Alle anderen Gruppierungen – die russischen Ehefrauen oder Ehemänner, die russischen Wissenschaftler, die russischen Prostituierten sowie die Stipendiaten bilden zusammen nicht einmal ein Prozent meiner hier lebenden Landsleute.
Wie viele Russen gibt es in Deutschland? Der Chef der größten russischen Zeitung in Berlin sagt, drei Millionen. Und 140000 allein in Berlin. Er ist aber nie richtig nüchtern, deswegen schenke ich ihm keinen Glauben. Er hat auch schon vor drei Jahren drei Millionen gesagt. Oder waren es damals vier? Aber es stimmt schon, die Russen sind überall. Da muss ich dem alten Redakteur Recht geben, es gibt eine Menge von uns, besonders in Berlin. Ich sehe Russen jeden Tag auf der Straße, in der U-Bahn, in der Kneipe, überall. Eine der Kassiererinnen im Supermarkt, in dem ich einkaufen gehe, ist eine Russin. Im Friseursalon ist auch eine. Ebenso die Verkäuferin im Blumenladen. Der Rechtsanwalt Grossman, auch wenn man es bei dem kaum glauben mag, ist ursprünglich aus der Sowjetunion gekommen, so wie ich vor zehn Jahren.
Gestern in der Straßenbahn unterhielten sich zwei Jungs ganz laut auf Russisch, sie dachten, keiner versteht sie. »Mit einem 200 mm-Lauf kriege ich das nicht hin. Er ist doch ständig von vielen Menschen umgeben.« »Dann solltest du einen 500er nehmen.« »Aber ich habe doch nie mit einem 500er gearbeitet!« »Gut, ich rufe morgen den Chef an und bestelle eine Gebrauchsanweisung für den 500er. Ich weiß aber nicht, wie er reagieren wird. Besser ist es, du versuchst es mit dem 200er. Man kann es doch noch einmal probieren!« Man kann.

Geschenke aus der DDR
Meine Eltern und ich lebten lange Zeit hinter dem Eisernen Vorhang. Die einzige Verbindung zum westlichen Ausland war die Fernsehsendung »Das Internationale Panorama«, die jeden Sonntag im ersten Programm gleich nach der »Stunde der Landwirtschaft« kam. Der Moderator, ein übergewichtiger und immer etwas gestresster Politologe, war schon seit Jahren in einer wichtigen Mission unterwegs: meinen Eltern und Millionen anderer Eltern den Rest der Welt zu erklären. Jede Woche bemühte er sich, alle Widersprüche des Kapitalismus in vollem Ausmaß auf dem Bildschirm zu zeigen. Doch der Mann war so dick, dass das ganze Ausland hinter ihm kaum zu sehen war.
»Dort, hinter dieser Brücke schlafen die hungrigen Arbeitslosen in alten Pappkisten, während da oben auf der Brücke, wie Sie sehen, die Reichen in großen Autos zu ihren Vergnügungsorten fahren!«, berichtete der Dicke zum Beispiel in seiner Sendung »New York – eine Stadt der Kontraste«. Wir starrten wie gebannt auf den Bildschirm: Ganz oben war ein Stück von der Brücke zu sehen und einige Autos, die sie überquerten. Das geheimnisvolle Ausland sah nicht besonders gut aus, unser Mann hatte es dort sicher nicht leicht. Aus irgendeinem Grund wollte der Politologe aber seinen Job trotz des ganzen Elends in der westlichen Welt nicht hinschmeißen und fuhr Jahr für Jahr immer wieder hin. Wenn er gerade mal arme Länder besuchte, lobte er die Werte der Kollektivität und der Solidarität. »Dort, hinter meinem Rücken«, berichtete der Dicke beispielsweise aus Afrika, »greifen die Affen die Menschen an, und die Affen sind unbesiegbar, weil sie zusammenhalten.«
Unsere Familie hatte noch eine andere halblegale Quelle, aus der die Informationen über das Leben im Ausland zu uns flossen: Onkel Andrej aus dem dritten Stock. Er war bei der Gewerkschaft eines geheimen Betriebes eine große Nummer und durfte unbeschwert zu irgendwelchen Geschäftstreffen nach Polen und sogar in die DDR fahren. Das tat er auch mindestens zweimal im Jahr. Ab und zu kam Onkel Andrej mit seiner Frau zu meinen Eltern, immer mit einer Flasche ausländischen Doppelkorns. Sie verbarrikadierten sich in der Küche, und der Nachbar erzählte, wie es im Ausland wirklich war. Die Kinder durften selbstverständlich nicht mithören. Ich war ziemlich gut mit Onkel Andrejs Sohn Igor befreundet, wir gingen in die gleiche Klasse. Igor trug lauter ausländische Sachen: El Pico Jeans, braune Turnschuhe, sogar ärmellose T-Shirts, die es bei uns nicht gab. Obwohl Igor der bestangezogene Junge in unserer Klasse war, gab er damit nicht an und war auch nicht geizig. Immer wenn ich ihn besuchte, schenkte er mir irgendeine Kleinigkeit. Bald besaß ich eine ganze Sammlung, die ich als »Geschenke aus der DDR« bezeichnete. Sie bestand aus einigen Bierdeckeln, deren Verwendung und Sinn mir vollkommen unklar war, einer Tüte Gummibärchen, einer leeren Orient Zigarettenschachtel, einer Audiokassette von ORWO, einem »Lolek und Bolek«-Kaugummi und einem Abziehbild mit mir unbekannten Comicfiguren drauf. Igor wollte später auch einmal Gewerkschaftsfunktionär werden wie sein Vater…

Quelle: http://www.ciando.com/ebook/bid-1649-russendisko/leseprobe/ 16. Juni 2013