Annette, ein Heldinnenepos von A. Weber

Rezension: Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber

Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber habe ich als Hörbuch gehört, deshalb werde ich zum einen auf den Inhalt aber auch auf das Medium eingehen.

Die Geschichte selbst ist ja nicht frei erfunden, sondern beruht ja auf dem Leben einer realen, französischen Frau, die Anne Weber wohl vor einigen Jahren kennenlernte. Deshalb gibt es auch einen Fokus auf zwei etwas längere Episoden in ihrem Leben: Die Zeit in der Résistance während des zweiten Weltkriegs und während des Wiederaufbaus und ihre Zeit in der Unabhängigkeitsbewegung von Algerien und den Jahren danach in Algerien selbst und beim Aufbau des Landes. Das schränkt zwar den Blick auf Annette ein wenig ein, aber da man auch noch einiges aus ihrem Privatleben, ihrer Kindheit und Jugend und den Jahren danach erfährt, lockert das die Geschichte schon ziemlich auf. Und vor allem der Blick auf ihre ersten Jahre, erklären das sehr komplexe Handeln der realen Figur.

Die Zitate, die immer wieder eingeworfen werden und von Annette selbst stammen, haben mir überaus gut gefallen, weil sie den Lesefluss etwas auflockern und die Erzählinstanz häufig auch mit ein wenig Ironie, Überspitzung und Humor an die Situationen herangeht, obwohl es sich häufig ja um sehr strenge, beängstigende oder schlimme Kapitel handelt. Dennoch wirkte der Epos auf mich nicht erdrückend, was wohl gerade auf die Erzählinstanz und die Zitate zurückzuführen ist.

Die Sprache ist unglaublich poetisch. Da ich es als Hörbuch gehört habe, kann ich zum Reimschema wenig sagen und man hat jetzt auch nicht das Gefühl, dass jemand ein Gedicht seitenlang herunterleiert. Der Stil hat sich wunderbar dazu geeignet das Heldinnenepos von einer Frauenstimme vorlesen zu lassen. Und hier fließen dann auch einige Instanzen zusammen: Die Erzählerin, die sich bewusst ist, dass sie in einer Geschichte lebt, aber außerhalb eine richtige Welt existiert. Die Frau, um die es in der Geschichte geht, die aber im echten Leben, natürlich als eine andere als die Frau in der Geschichte, existiert. Und die Vorleserin, die der Figur und dem lyrischen Ich ihre Stimme leiht. Und natürlich gibt es auch noch die Autorin, die die Geschichte in dieser Form niedergeschrieben hat. Dass diese Instanzen alle ineinander übergehen und zusammenfließen ist nicht schlimm, aber man sollte sich als Zuhörerin zumindest dieser Tatsache bewusst sein.

Die Figur Annette ist sehr interessant. Im Grunde geht es ja wirklich nur um Annette, denn schließlich hat sie der Autorin auch von ihrem Leben berichtet. Und betrachtet man es ganz objektiv ist Annette eine sehr selbstbestimmte Frau. Sie lebt mit ihrem damaligen Freund schon in den 40er Jahren in wilder Ehe zusammen, wird schwanger und lässt das Kind abtreiben. Sie entscheidet sich für ein Leben in der Résistance statt für ein konventionelles Leben. Ich weiß nicht genau wie das damals in Frankreich war und heute ist es vor allem in Deutschland anders, aber aus damaliger Sicht muss sie schon sehr selbstbestimmt gelebt haben.

Danach heiratet sie und bekommt Kinder, arbeitet aber als Ärztin, hat auch Medizin studiert, und beteiligt sich an der algerischen Unabhängigkeitsbewegung. Dass ihre Kinder dabei zu kurz kommen und sie einiges mit ihnen verpasst, wird ihr erst später klar, aber sie lebt zumindest ihr Leben so wie sie es für richtig hält und vertritt ihre Werte. Sie arbeitet später in einem algerischen Ministerium mit und hilft dabei ein Land neu aufzubauen; unabhängig von Frankreich. Das klingt alles sehr mutig und die Parallelen zu Jeanne D’Arc sind natürlich offensichtlich (zumindest für mich gewesen). Und dennoch konnte ich mich nicht gegen das Gefühl wehren, dass Annette eigentlich nichts zu sagen hat. In den beiden Organisationen, in denen sie mitgearbeitet hat, ist sie ein kleines Licht. Sie steht nie auf der Bühne, wird selten nach ihrer Meinung gefragt. Männer denken, Frauen handeln (obwohl sie eine gebildete Frau ist). Obwohl sie so viele Freiheiten hat, hatte ich so oft das Gefühl, dass sie eigentlich selbst eine Gefangene ist und teilweise ja auch war, dass sie fremdbestimmt wird und eigentlich selten eigene Entscheidungen trifft. Vielleicht lag es nur daran, dass ich es als Hörbuch gehört habe. Ich weiß leider nicht, woher das Gefühl bei mir kam, denn ich bin mir bewusst, dass sie rein objektiv betrachtet sehr selbstbestimmt war.

Kommen wir also noch einmal kurz zum Medium: Wie oben schon beschrieben eignet sich das Epos gut für ein Hörbuch, sind Epen ja ursprünglich auch dafür da, vorgetragen zu werden und ein Hörbuch ist ja im Grunde nichts anderes als eingefangener Vortrag ohne Mimik und Gestik des Vortragenden. Christina Puciata hat das Hörbuch zu Annette, ein Heldinnenepos meiner Ansicht nach sehr gut aufgezeichnet. Ihre Stimme passte für mich gut zum Hörbuch, zur Atmosphäre und zu Annette Beaumanoir.

Man merkt es vielleicht in der Inhaltsangabe, dass mir häufig die Namen gefehlt haben. Leider wusste ich nie wie man die französischen oder die algerischen Namen schreibt und selbst für Annettes Nachnamen musste ich erst einmal recherchieren. Hier wäre es wieder ganz schön gewesen, wenn man in einem Booklet mal die wichtigsten Figuren erwähnt hätte, damit man wenigstens nochmal nachlesen kann wie die Leute denn hießen (und für die Rezension denn geschrieben werden).

Abgesehen davon hat mir Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber sehr gut gefallen. Ich kann jedem und jeder Interessierten am Deutschen Buchpreis oder der Französischen Geschichte nur dieses Buch empfehlen und vor allem das Hörbuch hat mir gut gefallen. Und die Idee aus einem Heldenepos ein Heldinnenepos zu machen, finde ich überaus originell.

 

 

 

Danke an Audiobuch für das Hörbuchrezensionsexemplar!

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