Als wir Waisen waren von K. Ishiguro ·Hörbücher

Rezension: Als wir Waisen waren von Kazuo Ishiguro

Ich habe Als wir Waisen waren von Kazuo Ishiguro als Hörbuch gehört, deshalb werde ich sowohl auf die Geschichte selbst als auch auf das Medium eingehen.

Ich möchte Klara und die Sonne von Ishiguro ganz gerne, deshalb dachte ich mir, als ich sah, dass noch ein zweites Hörbuch von ihm rausgegeben wurde, dass ich mir das auch mal näher angucken sollte. So kam ich Als wir Waisen waren von Kazuo Ishiguro, von dem ich eher einen Krimi erwartet hatte. Ich dachte, dass Banks seine entführten Eltern sucht und findet, und da es sich bei ihm um einen Detektiv handelt es vielleicht noch um ein paar andere Fälle geht. Andere Fälle werden zwar erwähnt, geraten aber stark in den Hintergrund.

Ich mochte Christophers Charakter nicht so sonderlich gerne, weil ich – obwohl die Geschichte aus seiner Sicht erzählt wird – keinen richtigen Zugang zu ihm gefunden habe. Er springt in den Zeiten immer wieder hin und her, was immer recht schwierig zu verstehen ist, wenn man ein Hörbuch hört, weil man nicht einfach mal zurückblättern und nachgucken kann wo und wann man sich gerade befindet. Hinzu kam, dass ich nicht verstanden habe, warum er so lange nicht nach seinen Eltern sucht und warum er Jennifer alleine lässt während er in Shanghai nach seinen Eltern sucht. Und wenn er sie schon alleine lassen muss, warum schreibt er ihr dann nie? Zwischenzeitlich meint er sogar, dass er schon länger nicht mehr an Jennifer gedacht hat, obwohl er sie angeblich liebt. Auch hat es mich gewundert, dass er sich am Ende überhaupt nicht für den gefangen genommenen Akira einsetzt. Was am Ende mit diesem geschieht, bleibt offen.

Hiermit hängt eng zusammen, dass mich gestört hat, dass für mich so viele Fragen offen bleiben, die ich ja im Absatz über diesem hier schon angeschnitten hatte. Das finde ich sehr schade und waren für mich Fäden, die man am Ende noch hätte verknüpfen können.

Hinzu kamen auch Fragen, die ich mir selbst gestellt habe, und die weitgehend undurchsichtig für mich blieben. Dazu zähle ich die Frage, welche Gefühle Christopher für Sarah hat, denn diese entwickeln sich nicht offen, und scheinen sich dennoch zu wandeln. Auch wüsste ich gerne, warum alle damit rechnen, dass das Ehepaar Banks noch lebt. Ich dachte mir die ganze Zeit, dass es meiner Ansicht nach zwei sinnvolle Möglichkeiten gibt: 1. Christophers Eltern sind lange tot, warum sonst sollten sie sich so lange nicht melden? 2. Christophers Eltern wollen sich nicht bei ihm melden; warum auch immer. Dass seine Eltern von irgendwelchen dubiosen Entführern so lange gefangen gehalten und am Leben erhalten werden ergab für mich keinen Sinn. Wieso gehen dann alle davon aus, dass die Eltern noch leben? Die Wahrscheinlichkeit dafür ist eher gering, dennoch erwähnt niemand auch nur die Möglichkeit, dass sie noch leben.

Weil es eben einige solcher Dinge gab, die ich seltsam fand (auch, dass Christopher in Shanghai davon ausgeht, dass jeder a) ihn kennt und b) vom Schicksal seiner Eltern weiß und er davon ausgeht, dass jeder sein Leben riskiert um seine Eltern zu retten), habe ich irgendwann gedacht, dass die Geschichte vielleicht nur ein Traum ist oder dass sie gar nicht wirklich so geschehen ist und vielleicht sogar, dass der Erzähler selbst opiumsüchtig ist und entsprechend verworrene Ideen und Realitätseindrücke hat.

Ich hatte ja oben schon einmal erwähnt, dass ich mir etwas anderes von dem Roman erhofft hatte und dementsprechend auch nicht mit der Brutalität gerechnet hatte. Hier seien zum einen die Kampfhandlungen am Ende des Romans und die Schilderungen der Gefangenschaft von Christophers Mutter erwähnt. Ich fand diese Schilderungen wirklich schrecklich und habe mich hier wahrhaft durchgequält.

Hinzu kam, dass die Geschichte am Anfang unglaublich langweilig und langatmig ist. Es geschieht bis weit nach der Hälfte relativ wenig bis gar nichts. Viele der Schilderungen braucht man gar nicht, um den Rest der Handlung verstehen zu können und sobald etwas geschieht, ist das – wie oben geschildert – wirklich abstoßend. Ich verstehe wenn eine Handlung langatmig ist, damit man die Hintergründe, die Gefühle,  Gedanken und Handlungen der Figuren nachvollziehen kann, aber das war hier meiner Ansicht nach gar nicht gegeben. Das Buch ist auf jeden Fall nichts für schwache Nerven.

Ich hatte ja schon erwähnt, dass mit dem Medium einherging, dass ich mich schwer in der Geschichte zurecht finden konnte, denn zum einen gibt es große Zeitsprünge: von der Kindheit des Protagonisten bis hin zu seiner jungen erwachsenen Zeit in London, seine Rückkehr zurück nach Shanghai und der Sprung zu der Zeit als Christopher Mitte 50 ist. Diese Sprünge geschehen aber eben auch nicht chronologisch, sondern es gibt immer wieder Rückschauen und Verweise, sodass ich mich irgendwann komplett verloren fühlte, da ich ja nicht einmal nachschauen konnte wo und in welcher Zeit wir uns gerade befanden.

Die Stimme war am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig. Ich glaube, weil ich zuvor den Roman Klara und die Sonne mit einer weiblichen Protagonistin und einer weiblichen Stimme gehört habe, hatte ich einfach mit einer Frauenstimme gerechnet. Ja, das ergibt aufgrund des männlichen Protagonisten nicht so viel Sinn, aber ich glaube dennoch dass dieser unterbewusste Gedanke dahintersteckte und ich mich schwer getan habe mich an die Stimme zu gewöhnen. Sobald ich im Buch drin war, fand ich aber, dass die Stimme von Julian Mehne gut zu Banks und zum Roman gepasst hat.

Insgesamt hatte ich von Als wir Waisen waren von Kazuo Ishiguro etwas mehr einen Krimi mit einem Privatdetektiv, der nach seinen Eltern sucht erwartet und war deshalb enttäuscht, außerdem mochte ich die Brutalität, die auf die Langatmigkeit des Anfangs folgte, nicht sonderlich.

 

 

 

Danke an Random House Audio für das Hörbuchrezensionsexemplar!

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