Adventskalender 2021 ·Das Geheimnis der Grays von A. Meredith

Rezension: Das Geheimnis der Grays von Anne Meredith

Das Geheimnis der Grays von Anne Meredith ist eigentlich wie ein Whodunit angelegt. Es gibt keinen Ermittler im herkömmlichen Sinne, aber im Fokus steht die gesamte Familie Gray.

Alle Kinder und Schwiegerkinder – interessanterweise aber keines der Enkelkinder – kommen über Weihnachten zu ihrem Vater und wollen dort gemeinsam Weihnachten feiern, wobei die meisten eigentlich aus anderen Motiven anreisen. Der Erzähler erwähnt schon zu Anfang etwas, womit man die/den Täter:in einengen kann und nach nicht einmal 60 Seiten erfährt der/die Leser:in wer der/die Mörder:in angeblich war. Somit ist es danach kaum noch ein Whodunit, denn man erfährt nicht nur den Ablauf der Tat, sondern auch die Gedanken und Motive. Ich erwähne das am Anfang, weil es sich hier um eine sehr spezielle Art des Krimis handelt und man das vor der Lektüre auf jeden Fall wissen sollte; vor allem wenn man, wie ich, gerne miträt.

Die Charaktere der Kinder waren mir allesamt relativ unsympathisch. Die meisten Kinder und Schwiegerkinder sind nur zum Weihnachtfest nachhause gekommen um ihren Vater oder Schwiegervater um Geld zu bitten. Neben dem Vater und dessen Mutter leben die beiden Töchter Amy und Isobel im Herrenhaus. Brand kommt ohne seine Frau, da die Familie sie nicht leiden kann. Richard reist mit seiner Frau Laura an. Ruth kommt mit ihrem Mann Miles und Olivia mit Eustace. Abgesehen von Ruth und Miles scheinen alle Hauptcharaktere einen furchtbaren Charakter zu haben, was es nicht leicht macht mit ihnen mitzufühlen.

Vor allem der/die Mörder:in, in deren/dessen Gefühlswelt man ja einen sehr intensiven Einblick erhält, war mir äußerst unsympathisch, sodass ich die Begründungen für den Mord auch allesamt schrecklich fand und ich mit ihr/ihm einfach nicht mitfühlen konnte. Hier wäre es deutlich angenehmer gewesen, wenn man schon einen Krimi schreibt, bei dem man weiß, wer die/der Täter:in wenn die Begründung wenigstens so gewesen wäre, dass man Sympathie mit dem/der Mörder:in fühlt. Nur so ergibt es ja Sinn, dass man Einblick in die Hintergründe des Mordes gewährt.

Mir sind außerdem noch einige Unstimmigkeiten aufgefallen, bei denen ich nicht sicher sind, ob sie so im Original stehen oder durch die Übersetzung zustande kommen: Im Zug auf dem Weg zur Weihnachtsfeier spricht Richard mit seiner Frau Laura und plötzlich spricht er seine Schwester Olivia an, die aber gar nicht bei ihnen ist. Als die Polizist Ross das erste Mal erwähnt und seine Herkunft beschrieben wird, ist plötzlich von Richard die Rede, der zwar der älteste Sohn des Hauses ist, aber an dieser Stelle gar nicht vorkommt. Als die Familienmitglieder in einem der Zimmer versammelt sind und auf ihre Befragung warten, wird eine Christina erwähnt, deren Name danach aber nie wieder fällt und der auch nicht weiter kontextualisiert wird. Mir sind noch ein paar weitere Dinge aufgefallen, aber diese brauche ich, denke ich, nicht weiter auszuführen.

Am Anfang, bei der Vorstellung der Charaktere, werden einige Familienmitglieder sehr ausführlich vorgestellt und es wird sehr präzise darauf eingegangen wer aus welchen Gründen ein Motiv für den Mord haben könnte. Dabei werden unter anderem die finanziellen Situationen, Beziehungen zu Geschwistern und Ehepartnern näher erläutert. Hier habe ich noch einen spannenden Whodunit erwartet und man hat fast den Eindruck, dass der Krimi so auch mal konzipiert war. Man hätte auf verschiedene Teile der Motive im Laufe der Ermittlungen immer weitereingehen können, hätte so immer weiter den Täter oder die Täterin einengen können und den/die Ermittler:in am Ende auf diese/n schließen lassen können. Es war sehr schade, dass man diese Chance vertut, indem man den/die Täter:in am Anfang mitteilt und wenn man schon einen psychologischen Krimi schreibt und man als Leser:in in der Haut der/des Täters bzw. Täterin steckt, dann hätte man die Motive nachvollziehbarer gestalten können. Ich hatte einfach den Eindruck, dass die Autorin beide Krimis in einen packen wollte und für mich ist das schief gegangen.

Weihnachten ist auch nur am Rande ein Thema, weil das der Hauptgrund war, warum alle zusammengekommen sind. Es werden aber keine Aktivitäten, die man zu Weihnachten gemeinhin gemeinsam tut, näher erwähnt. Weder wird Weihnachtsgebäck gemeinsam gebacken noch gegessen. Auch wird nicht gesungen, unter dem Weihnachtsbaum oder gemütlich am Kamin gesessen oder ein Weihnachtsgottesdienst besucht. Hier haben mir einfach ein paar typische Weihnachtselemente gefehlt, die den Krimi festlicher gemacht hätten.

Alles in allem fand ich Das Geheimnis der Grays von Anne Meredith in Ordnung. Mir haben einige weihnachtliche Elemente gefehlt, damit der Krimi für mich zum Weihnachtskrimi geworden wäre. Auch, dass man den/die Täter:in mehr oder weniger von Anfang an kennt, hat mir nicht so gut gefallen, weil ich nach dem Anfang etwas anderes erwartet hatte.

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